Gedenktag der Reformation der Kirche (31.10.2005)
Matthäus 10, 26b-33

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Gottes hl. Wort an uns heute im Evangelium nach St. Matthäus im 10. Kapitel:

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.
31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.
33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.


Herr, segne uns durch dein Wort. Amen.


Liebe Brüder und Schwestern,

auf einer Dienstreise mit der Bahn wurde ich einmal von einem Mitreisenden angesprochen, der mich wegen meines schwarzen Pfarrerhemdes als Geistlichen erkannte und seinem Herzen so richtig Luft machte: Also mit der Kirche habe er ja nichts mehr zu tun, begann er, er sei schon vor längerer Zeit aus „diesem Verein“ ausgetreten. Und dann zählte er eine lange Reihe von Gründen auf, vom Zölibat angefangen, über den Anspruch des Papstes in Sachen des Glaubens, der Lehre und der Moral unfehlbar zu sein, über irgendwelche angeblichen vatikanischen Bank- und Finanzskandale, die Haltung der Kirche zu Abtreibung, Ehescheidung und Verhütung bis hin zum Fall des Theologen Eugen Drewermann, dem man die Lehrerlaubnis entzogen habe. Und nun saß ich da als lutherischer Pfarrer und hätte ja die Möglichkeit gehabt, mich schnell aus der Affäre zu ziehen, indem ich kurz darauf hingewiesen hätte, daß mich das alles nicht betrifft, da ich ja nicht römisch-katholisch sei. Aber da gab es zwei Probleme: Erstens wurden da einige Punkte kritisiert, die unsere altlutherische Kirche ganz genauso sieht, wie die römische Kirche auch und zweitens hatte ich es ja hier mit einem Menschen zu tun, der der Kirche den Rücken gekehrt hatte und sich lautstark gegen Kirche, Glauben und die Christen äußerte. Ich gab mich also nicht zu erkennen, sondern, obwohl ich durchaus lieber meine Ruhe gehabt hätte, fing an, die Kirche in Schutz zu nehmen. Ich merkte, daß ich jetzt gefordert bin, für die Kirche Christi zu sprechen und mich uneingeschränkt zu bekennen, ohne Rücksichten auf irgendwelche konfessionellen Feinheiten zu nehmen und genau das zu tun, was Luther in der Auslegung des 8. Gebotes fordert, nämlich meine Nächsten zu entschuldigen, Gutes von ihnen zu reden und alles zum Besten zu kehren.

Am Ende stellte sich dann auch noch heraus, daß dieser Mitreisende, der sich so fürchterlich über die römische Kirche aufgeregt hatte, deshalb aus der evangelischen Kirche ausgetreten war.

Liebe Mitchristen: Als der Mann dann schließlich ausstieg und ich ihm mitteilte, daß ich übrigens nicht römisch-katholischer Priester, sondern Altlutheraner sei, war die Verwirrung perfekt, aber ich hatte den Eindruck, daß dieser Mensch um ein paar Argumente gegen Kirche und christlichen Glauben ärmer war. Und außerdem hatte er wohl zur Kenntnis genommen, daß Christen, wenn sie angegriffen werden, zusammenhalten, füreinander einstehen und sogar für Vorwürfe geradestehen, die sie eigentlich gar nicht treffen müßten, weil damit eine andere als die eigene Kirche angesprochen wird.

Für mich war aber deutlich: Hier ging es nicht darum sich zu einer Konfession zu bekennen, sondern darum, sich zu Christus zu bekennen. Es gibt Situationen, in denen jeder Schulterschluß mit Nichtchristen eine Verleugnung des einen Herrn Christus und seines Leibes, der Kirche bedeuten würde, Situationen, in denen wir als Christen unter einem Christus sind und streiten.

Da muß in aller Öffentlichkeit, von den Dächern, wie es das Evangelium ausdrückt, oder eben auch in einem großraumwagen der Deutschen Bahn, Farbe bekannt werden. Da darf man sich nicht drücken und es billigend inkauf nehmen, den Christenbruder nach vorn zu schicken und ohrfeigen zu lassen, selbst wenn man alles Recht hätte, sich von ihm in der einen oder anderen Auffassung zu distanzieren. Da ist mit dem Bekenntnis zu Christus auch immer das Bekenntnis zu der ganzen Christenheit auf Erden unlösbar verbunden.

Liebe Brüder und Schwestern, heute vor 488 Jahren, am Vorabend des Allerheiligenfestes, erschienen Martin Luthers 95 Thesen, ob sie nun als öffentlicher Aushang am Tor der Wittenberger Schloßkirche hingen oder nur an einen begrenzten Kreis von Bischöfen und Theologen verschickt wurden, sei dahingestellt. Dieses Datum gilt jedenfalls als Auslöser und Beginn der Reformation.

Wir haben uns leider vielfach daran gewöhnt, den Reformationstag gewissermaßen als Geburtstag „unserer lutherischen Kirche“ zu begehen, aber wir haben weithin vergessen oder noch gar nicht zur Kenntnis genommen, worum es eigentlich damals ging und auch heute noch geht. Wer war denn das, der da am 31. Oktober 1517 seine 95 kritischen Fragen und Thesen zum Ablaßwesen veröffentlichte? Das war nicht der Gründervater einer neuen Kirche, nicht unser lutherischer Glaubensheld, der einen Bekenntniskampf mutig aufgenommen hat. Das war ein katholischer Augustinermönch und Professor für biblische Theologie an der kleinen Universität Wittenberg, der sich in einer innerkatholischen Streitfrage zu Wort meldete, um sich auf der Basis biblischer Erkenntnis gegen Mißstände auszusprechen, die nach seiner Überzeugung dazu führten, daß die Einheit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums gefährdet ist, ja auf dem Spiel steht. Dr. Martin Luther, obwohl er das selbst gar nicht wollte und beabsichtigte, war ein Theologe, um den herum sich eine innerkatholische, innerkirchliche Erneuerungsbewegung sammelte. Man hätte Luther wohl zu jedem Zeitpunkt seines Lebens nach seiner Konfession fragen können und er hätte bis zu seinem letzten Atemzug geantwortet: Ich bin katholischer Christ. Als schon zu Luthers Lebzeiten die Bezeichnung „Lutheraner“ für ihn und seine Mitstreiter aufkam, hat er dies strikt abgelehnt und sich dagegen verwahrt, daß Christen sich –wie er wörtlich sagte- nach ihm, einem stinkenden, alten Madensack nennen oder benannt werden.

Was heißt das aber für uns und unser kirchliches Selbstverständnis heute? Als Lutheraner, und in Deutschland sind die Altlutheraner bekanntlich die einzigen, die sich uneingeschränkt zu dem Glauben bekennen, der in den altenlutherischen Bekenntnisschriften von 1580 zusammengefaßt sind, als Lutheraner sind wir in Glauben und Bekenntnis also Nachfahren derjenigen katholischen Christen, die im 16. Jahrhundert beanspruchten, in ihrer Mitte, auf ihren Kanzeln und Altären, in ihren Pfarreien und Sprengeln und später Landeskirchen, die rechtmäßige Fortsetzung der alten katholischen Kirche des Abendlandes zu sein. Ein Lutheraner, der nicht diesen Anspruch, nämlich wahrhaft katholischer Christ und also Glied der katholischen Kirche zu sein, heute noch aufrecht erhält und öffentlich bekennt, ist streng genommen ein Sektierer, dem die Spaltung der Kirche keine Traurigkeit und keine Herzschmerzen verursacht; ein Sektierer, der die Einheit der Kirche in der gemeinsam bezeugten Wahrheit des Evangeliums nicht zutiefst herbeisehnt und sich nach Möglichkeiten dafür einsetzt.

Wer als lutherischer Christ heute damit zufrieden ist, daß es eine Unzahl unterschiedlicher Konfessionen und kirchlicher Gemeinschaften gibt, die miteinander keine Gemeinschaft haben, kann und darf sich auf Martin Luther und die Wittenberger Reformation nicht berufen. Genau genommen sind wir als lutherische Kirche also bis heute eine innerkatholische Bekenntnisbewegung, Teil der einen, katholischen Kirche und müßten das Ziel mit Ernst und geistlicher Tiefe verfolgen, diese Einheit, die wir voraussetzen und glauben, auch wieder sichtbar und vor allem durch die Nichtchristen auch wieder erkennbar werden zu lassen.

Was uns vielfach daran hindert, so zu denken, zu sprechen und zu handeln, ist nicht nur die jahrhundertelange Gewöhnung an die bestehenden Zustände. Es ist auch die Furcht, Vertrautes aufgeben und loslassen zu müssen. Es ist auch die Furcht, ein über Generationen hinweg immer wieder überliefertes Feindbild korrigieren zu müssen. Ein Feindbild, hinter dem man sich ja auch gut verstecken kann. Es ist die Furcht, verwechselbar zu werden und damit ein Stück der eigenen Identität preisgeben zu müssen. Es ist die Furcht, langgehegte Vorurteile überprüfen zu müssen und dabei zu erkennen, daß es sich tatsächlich um Vor- Verurteilungen gehandelt hat und wir also nicht in der Wahrheit standen. Es ist die Furcht, die nicht in der Liebe ist, wie der Apostel Johannes (1 Joh 4,18) sagt.

Wollen wir wirklich die Einheit, auch die erfahrbare und sichtbare Einheit des Leibes Christi in seiner irdischen Gestalt? Und wollen wir uns also auch zu diesem einen, unteilbaren und ungeteilten Christus als Herrn und Heiland vor den Menschen bekennen? Oder lähmt uns die Furcht vor Mißverständnissen, die Sorge, man könnte uns verwechseln, nicht verstehen, für Träumer und Spinner halten?

Aber die Furcht ist nicht in der Liebe. Die Liebe zu dem Einen Christus muß uns alle dazu dringen und drängen, dieser Einheit zu dienen und diese Einheit vor den Menschen zu bekennen. Nicht auf Kosten der Wahrheit, nicht auf Kosten der Liebe, aber auch nicht auf Kosten der Einheit in der Wahrheit und der Liebe.

In der Vorrede zum Augsburgischen Bekenntnis von 1530 steht der Satz: „Alles, was auf beiden Seiten nicht richtig ausgelegt oder getan worden ist, soll abgestellt werden. Und durch uns alle soll eine gemeinsame wahre Religion angenommen werden und eingehalten werden und wir so, wie wir alle unter Einem Christus sind und streiten, auch alle in Einer Gemeinschaft, Kirche und Einigkeit leben.“

Was kann unsere Furcht vor dem klaren, öffentlichen Bekenntnis zum Einen Christus und der Einen Kirche als dem Einen Leib Christi, was kann unsere Furcht vor diesem klaren Bekenntnis von den Dächern und Kanzeln, in den Wohnzimmern, Arbeitsplätzen, Schulen und anderswo, was kann diese Furcht, die nicht in der Liebe ist, besiegen und überwinden?

Liebe Gemeinde, das ist die Gewißheit, die uns Christus im Evangelium schenkt, daß wir in diesem Glauben und Vertrauen, in diesem Bekenntnis, in Gottes Hand geborgen sind und bleiben. Daß es wohl viele gibt, die uns das Leben schwer machen und sogar das irdische Leben rauben können. Daß wir uns aber vor denen nicht zu fürchten brauchen, weil wir wissen, daß es einen gerechten Richter gibt, daß die Wahrheit einmal offen am Tag sein wird. Weil wir wissen, daß wir Furcht nur vor dem zu haben brauchen, der auch die Seele töten kann. Aber damit ist nicht der Teufel gemeint, sondern Gott selbst. Alle Furcht, alle Ehrfurcht, aller Respekt kommt nur Gott allein zu. Nicht der Teufel wird einmal unser Richter sein, sondern Gott. Der Teufel, der ewige Verkläger, hat den Prozeß ja schon längst verloren. Bei jeder beichte hören wir das Urteil über uns wieder neu: Du bist frei, los und ledig. Dir sind deine Sünden vergeben.

Die Gewißheit, daß Gott der barmherzige Gott ist, der alles in seiner Hand hat und hält, macht stark und furchtlos. Und das ist etwas ganz anderes als der dumpfe Schicksalsglaube, daß wir Menschen an unserem Los ja doch nichts ändern können. Wir wissen, und das hat allerdings die Reformation wieder neu an den Tag gebracht, wer Gott wirklich ist und wie Gott wirklich ist. Einer, den wir fürchten müssen, vor dem wir Ehrfurcht haben, aber keiner, den wir fürchten müssen. Wir wissen: Gott ist die Liebe. Und diese Liebe ist Mensch, Fleisch geworden in seinem Sohn Jesus Christus. Und aus Liebe hat er am Kreuz für unsere Schuld alles gebüßt und gesühnt und gelitten und genug getan. Gottes Wille ist unentrinnbar. Aber Christus hat uns die Gewißheit geschenkt und mit seinem Leben und Sterben und Auferstehen besiegelt: Gottes Wille für uns ist immer und nur ein guter, ein gnädiger, ein liebevoller Wille. Halten wir an Christus fest, hält uns auch Christus fest. Bekennen wir uns zu Christus, bekennt sich Christus zu uns, vertritt er uns als Anwalt und Sachwalter und führt uns zum endgültigen Freispruch.

Unter Einem Christus sein und streiten – dazu gehört gar kein besonderer Mut, dazu gehört Gewißheit. Die Gewißheit, daß ein Wort, ein heiliges, kräftiges und wirkmächtiges Gotteswort, ein Name den fällen und erledigen und ausschalten kann, der uns den Christus zerspalten und seine Glieder zerstören will. Diese Gewißheit hat die Reformation der ganzen Kirche neu geschenkt. Gewiß zu sein seines gnädigen Gottes, gewiß zu sein seines Heils und seiner Erlösung in Christus, das gehört zu dem reformkatholischem Glauben, den wir heute „lutherisch“ nennen, und das ist keine Anmaßung und keine Überheblichkeit. Sondern diese Gewißheit, im Glauben an Christus nicht verloren zu sein, ist die größte und heiligste und trostreichste Frucht des seligmachenden Glaubens. Daran laßt uns festhalten und darin unter Einem Christus sein und streiten.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.