„Apostolischer Gemeindeaufbau – Das Bewährte lebendig bewahren“


Predigt zur Einführung von Pfarrer Gert Kelter, Pfingstmontag (16.05.2005)
Apostelgeschichte 2, 41-47


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Gottes hl. Wort aus der Apostelgeschichte nach Lukas im 2. Kapitel. Unser Abschnitt setzt ein nach der Pfingstpredigt des Apostels Petrus und berichtet über die Folgen:

1 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.
42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
43 Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen
47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Der auferstandene Herr segne uns durch sein Wort und gebe uns seinen hl. Geist zum Hören, Verstehen, Bewahren und Tun. Amen.


Liebe Brüder und Schwestern,

wenn mein theologischer Lehrer Prof. Christian Möller, der in Görlitz als Sohn des früheren Pfarrers an der Kreuzgemeinde aufgewachsen ist, das verzagte Klagen und Jammern in kirchlichen Kreisen über den schleichenden Untergang der christlichen Kirche in Deutschland wieder einmal leid war, pflegte er gerne auf folgende Tatsache hinzuweisen: Der Kirche in der Sowjetunion habe man sechzig Jahre lang ihren kurz bevorstehenden Untergang vorausgesagt. Es seien sowieso nur noch ein paar alte Mütterchen in den Gottesdiensten zu finden, die Kirchen verfielen und die Jugend liefe der Kirche scharenweise davon. Aber, sagte Möller verschmitzt lächelnd und zumindest innerlich händereibend: Diese alten Mütterchen starben einfach nicht aus. Da konnte geschehen, was da wollte: Die Mütterchen wuchsen immer wieder nach und feierten unter einfachsten Bedingungen, beargwöhnt und sogar verfolgt ihren Gottesdienst, brachten heimlich die Enkel zur Taufe, hielten die Traditionen und Bräuche und gaben sie weiter und beteten und beteten und beteten.

Und heute erlebt die Kirche in Rußland eine Wiedergeburt, die beispiellos ist. Die Menschen strömen wieder in die Kirchen, man giert geradezu nach Informationen über Lehre und Glauben, man erwartet von der Kirche Orientierung, Halt, Geborgenheit, Identität. Politiker halten es für opportun, sich der Kirche anzubiedern und sich bei eifrigen Verneigungen und Bekreuzigungen mit Bischöfen und Patriarchen filmen zu lassen.

Liebe Gemeinde, die Mütterchen wollten einfach nicht aussterben. Aber ihre Leistung, wenn man davon überhaupt sprechen darf, bestand nicht im lauten Kampf, nicht im Politisieren und Taktieren, sondern im Festhalten, im Bewahren des Bewährten. <Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.>

Eben das bezeugt die Apostelgeschichte auch von den 3000 Menschen, die durch das Gnadenmittel der Pfingstpredigt des Apostels Petrus durch den Heiligen Geist zum Glauben an Christus kamen und sich taufen ließen.

Mit Neubekehrten ist das ja manchmal so eine Sache. Man freut sich über sie und erwartet zugleich etwas skeptisch und ängstlich, daß sie über die Stränge schlagen müßten, daß sie vom Feuer des Geistes ergriffen, rennen und brennen, den sprichwörtlichen Konvertiteneifer entwickeln und alles neu und alles anders und besser machen wollen. Davon lesen wir in der Apostelgeschichte nichts. Sie blieben beständig in dem, was sie vorfanden und – sie feierten Gottesdienst. Nichts anderes steckt ja in der Beschreibung des Lukas, wenn er sagt, daß sich diese erste Gemeinde dadurch auszeichnete, daß sie an der Lehre der Apostel festhielt, also an Bibelstudium, Schriftlesung und Predigt; daß sie am Brotbrechen festhielten, dem Synonym für die Feier des Hl. Mahles, daß sie an der Gemeinschaft, also der gottesdienstlichen Versammlung festhielten und im Gebet ausharrten.

Das klingt natürlich nicht sehr missionarisch und aufregend. Die Frage ist schon berechtigt, ob man dieses Beispiel der frühesten Christengemeinde allzu sehr loben und zum Vorbild für heutige Verhältnisse erheben sollte. Immerhin gäbe es hier in Görlitz für die ungefähr 18 % Christen der Stadt ja viel zu tun. Und beständig Gottesdienst feiern wir in der Heilig-Geist-Gemeinde in diesem Jahr schon seit 160 Jahren, davon fast 100 Jahre in diesem Gotteshaus. Und obwohl wir 1845 nicht mit 3000 Seelen, sondern mit 29 angefangen haben, hätte sich ja mittlerweile denn doch etwas mehr tun dürfen, wenn’s denn wirklich reicht, nur Gottesdienst zu feiern, an der apostolischen Lehre festzuhalten und eine kleine, stille, unauffällige Gemeinschaft zu pflegen.

Brüder und Schwestern, laßt uns einen Moment überlegen, was es denn vor etwa 15 Jahren eigentlich war, daß die orthodoxe Kirche in Rußland für so viele Menschen plötzlich wieder attraktiv erscheinen ließ. Sicher ist das eine komplizierte Motivmischung. Aber eines steht dabei im Vordergrund: Man hatte erlebt, wie ein System, das unüberwindbar schien, wie eherne Grundsätze, unhinterfragbare Werte und Welt- und Lebensentwürfe praktisch über Nacht in sich zusammenbrachen. Man hatte das scheinbar feste Fundament unter den Füßen verloren und die Menschen fühlten sich haltlos, orientierungslos, ungeborgen in einer fremden Welt.

Es war gerade das Alte, Bewährte, das beständig und unbeirrbar durch die Jahrhunderte lebendig erhaltene feste Fundament, das die Menschen verloren hatten, das sie sehnsüchtig suchten und in der Kirche fanden. Davon bin ich, nachdem ich letztes in Rußland war und mit Menschen dort gesprochen habe, fest überzeugt. Die russisch-orthodoxe Kirche ist mit ihrer selbst für Russen kaum verständlichen komplizierten, stundenlangen und in Altslavisch gehaltenen Liturgie nun wirklich keine peppige Jugendbewegung. Aber das hat ihrer Ausstrahlungskraft offenbar nicht nur keinen Abbruch getan, sondern sie geradezu ausgemacht.

Niemand hat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Rußland daran gedacht, und es wäre sicher ein fataler Irrtum gewesen, gerade an dem Alten, Verstaubten, mystisch-Geheimnisvollen, Überirdischen etwas zu ändern.

Die Kirche hatte, wie durch ein Wunder, plötzlich wieder Gnade bei dem ganzen Volk und der Herr tat täglich hinzu, die gerettet wurden und tut es bis heute.

Liebe Gemeinde, das Beispiel der ersten Gemeinde in Jerusalem, das Beispiel der Mönche des Frühmittelalters in unseren Breiten, die Mission nur dadurch betrieben, daß sie Klöster bauten, Gottesdienst feierten und als christliche Gemeinschaft miteinander lebten, beteten und arbeiteten bis hin zum Beispiel der russischen Kirche sind mir ein großer Trost und eine große Entlastung. Nicht ich muß hektisch und aufgeregt irgend etwas tun, mir ständig Neues einfallen lassen, nicht wir müssen alles anders und besser und neu machen. Der Herr tut hinzu. Sein heiliger Geist verwandelt, erleuchtet, erneuert, rettet, läßt wachsen und reifen.

Wir leben heute in einer, die vom ständigen Umbruch geprägt ist. Da wird zwar viel von Werten geredet, aber niemand weiß, um welche Werte es eigentlich gehen soll und warum diese Werte eigentlich so wertvoll sein sollen. Viele Menschen sehnen sich nach Klarheit, nach Halt und Geborgenheit. Und genau das können wir als Christen, als Kirche und gerade auch als altlutherische Kirche bieten. Nicht aus uns heraus, sondern weil es uns einmal geschenkt wurde und weil unsere Väter und Mütter im Glauben auch in dieser Heilig-Geist-Gemeinde seit 160 Jahren beständig darin geblieben sind.

Unsere Kirche sieht nicht ganz zufällig aus wie eine Burg. Die Inschrift „Ein Feste Burg ist unser Gott“ zeigt klar an, daß dies das architektonische Motto des Kirchbaus ist. Eine Burg, liebe Gemeinde, war in früheren Zeiten ein Ort, in dem man sich bergen konnte, um Geborgenheit zu erfahren. Was man nicht verwechseln sollte mit der Vokabel „verbergen“ im Sinne von verstecken.

Versteckt haben sich die ersten Christen ganz offensichtlich nämlich gerade nicht. Die Fenster und Türen müssen weit offen gewesen sein, sodaß alle sehen konnten, wie behaglich und vergewissernd, wie kraftvoll und belebend die feste Burg ihres Glaubens und Gottesdienstes ist. Sie lebten ihren christlichen Glauben auf einfache, bescheidene, aber darin auch vorbildliche Weise, sodaß die anderen es sehen und merken konnten. Sie waren beieinander, lebten also nicht aneinander vorbei.

Dieses Aufeinanderachthaben ist die Grundform aller Diakonie. Und das ist außerdem noch eine sehr preiswerte Form der Diakonie. Sie hatten alle Dinge gemeinsam und teilten von ihrem Besitz, je nachdem einer in Not war. Das klingt schon etwas teurer, heißt aber vor allem: Diese Christen machten nicht Geld und Besitz zu ihrem Götzen. Sie klebten nicht am Materiellen, sondern lebten ihrer Umwelt eine Freiheit und Unabhängigkeit von den Gütern dieser Welt vor. Ist nicht gerade heute, wo nun auch die Politik von der totalen Ökonomisierung der Gesellschaft spricht und man plötzlich erkennt, wohin das führt, wenn Geld die Welt regiert, nicht ein höchst aktuelles Vorbild für die Kirche, und das heißt ja: für uns als einzelne Christen, als Arbeitgeber, Arbeitnehmer, als Eltern, Paten, als Kollegen und Nachbarn.

Unser früherer Bischof Dr. Gerhard Rost sagte einmal bei einem Gemeindeseminar zum Thema „Mission“: Wir sollen nicht dauernd den Menschen Antworten auf Fragen geben, die sie uns gar nicht gestellt haben, sondern so leben, und zwar so überraschend anders leben, daß sie uns irgendwann fragen, warum wir so lebe, so denken, so handeln, so hoffen.

In Jerusalem hatte diese bescheidene aber wirkungsvolle Form der Mission durchschlagenden Erfolg. Nicht taktisch geplant, nicht mit Kalkül organisiert, sondern als Frucht des Glaubens, der sich beständig am Wort Gottes nährte, durch das Sakrament stärkte und im Gebet reifte. Sie fanden Gnade beim ganzen Volk und der Herr tat hinzu.

Ein letzter Gedanke ist mir noch wichtig: Der Chronist Lukas betont die Einmütigkeit der ersten Christen in Jerusalem. Eine von Neid und Konkurrenzkampf, von Mißgunst und Eifersüchteleien zerstrittene und zerrissene Gemeinde hätte wohl kaum Ausstrahlungskraft gehabt, obwohl das Neue Testament im Fall der Gemeinde Korinth auch ganz schonungslos solche Urbeispiele kennt und nennt. Einmütigkeit ist einladend.

Das gilt für einzelne Gemeinden. Das gilt aber auch für das Miteinander der christlichen Kirchen in einer mehrheitlich nichtchristlichen Umgebung. Auf diesem Platz stehen in guter und bewährter ökumenischer Nachbarschaft die Gottes- und Gemeindehäuser dreier Kirchen: Die katholische St. Jakobus-Kathedrale, das evang. Paul-Gerhardt-Haus der Kreuzkirchengemeinde und unsere Heilig-Geist-Kirche. Wenn das nicht schon Symbolkraft genug hat, wenn das nicht schon Hinweis und Motivation genug ist, in Einmütigkeit beständig zu bleiben. Dabei ist es nicht nötig, in einem Einheitsbrei kleinster gemeinsamer Glaubensnenner zu versinken. Positionen und Überzeugungen, auch wenn sie unterschiedlich sind und bleiben, dürfen und sollen sein. Aber die Ausstrahlungskraft der Gemeinde Jesu Christi als Ganze wächst in dem Maße, wie die Einmütigkeit dort, wo es möglich und machbar ist, nach außen hin auch sichtbar wird.

Am Ende ist auch die geistliche Einmütigkeit nicht von Menschen machbar, sondern Gabe des Heiligen Geistes und Geschenk. Eine Heilig-Geist-Gemeinde zum Pfingstfest sollte das vor allem anderen zu Ohren und zu Herzen nehmen. Luther hat es 1539 so ausgedrückt: <Du und ich sind vor 1000 Jahren nicht gewesen, da dennoch die Kirche ohne uns ist erhalten worden, und hat’s der tun müssen, der da heißt „Der da war und der da ist und der da kommt“. So sind wir’s jetzt auch nicht bei unserm Leben; denn die Kirche wird durch uns nicht erhalten...und unsrethalben müßte die Kirche vor unseren Augen und wir mit ihr zu Grunde gehen (wie wir täglich erfahren), wo nicht ein anderer Mann wäre, der beide, die Kirche und uns, augenscheinlich erhielte. Unser lieber Herr Christus sei und bleibe unser lieber Herr Christus, gelobt in Ewigkeit, Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.